Illustration YUMAB GmbH

Transferrin-Rezeptor als Shuttle zum Gehirn: YUMAB und ISAR Bioscience wollen mitmischen

Wirkstoffe ins Gehirn: YUMAB und ISAR Bioscience wollen den Transferrin-Rezeptor nutzen, um Biologika über die Blut-Hirn-Schranke zu schleusen. Die Kooperation reiht sich in einen wachsenden Wettlauf um BBB-Shuttles ein – denn wer den Transportweg ins Gehirn beherrscht, könnte neue Wirkstoffklassen für neurologische Erkrankungen erschließen.

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Die Blut-Hirn-Schranke wird zum lukrativen Schauplatz der Drug-Delivery-Industrie. Mit der Braunschweiger YUMAB GmbH und der ISAR Bioscience GmbH (Planegg) arbeiten nun zwei deutsche Unternehmen an einem weiteren Ansatz, um den Transferrin-Rezeptor (TfR) als Transportweg ins Gehirn zu nutzen. Ziel der Kooperation ist ein TfR-spezifischer Antikörper, der als Shuttle unterschiedliche biotherapeutische Wirkstoffe über die Blut-Hirn-Schranke (BBB) transportieren kann – als Angebot für Kunden, die dies nutzen wollen.

Der biologische Trick ist seit längerem bekannt: Der Transferrin-Rezeptor sitzt auf den Endothelzellen der Hirnkapillaren und schleust normalerweise Transferrin zusammen mit Eisen aus dem Blut ins Gehirn. Dieses natürliche Transportsystem lässt sich für die Arzneimittelentwicklung kapern. Antikörperfragmente, die an TfR binden, können per rezeptorvermittelter Transzytose durch die Endothelzellen transportiert werden. Yumab bringt dabei seine Erfahrung in der Antikörperentdeckung und -entwicklung ein, während Isar Bioscience seine Expertise in Neurodegeneration und translationaler Medizin beisteuert.

Für die beiden Unternehmen ist das mehr als ein einzelnes Forschungsprojekt. Sie wollen eine Plattform entwickeln, mit der sich unterschiedliche Wirkstoffladungen ins zentrale Nervensystem bringen lassen. Gerade diese Plattformperspektive macht TfR-Shuttles für die Pharmaindustrie interessant.

Roche hat den Beweis angetreten

Wie groß das Interesse inzwischen ist, zeigt der Blick auf die Konkurrenz. Roche verfolgt mit seiner Brainshuttle-Technologie seit Jahren einen TfR-basierten Ansatz. Der Roche-Wirkstoff Trontinemab kombiniert einen TfR1-Shuttle mit einem gegen Amyloid gerichteten Antikörper und befindet sich inzwischen in Phase III. Neue Daten aus dem Jahr 2026 sollen zeigen, dass die Technologie eine deutlich verbesserte Verteilung im Gehirn ermöglicht.

Roche spricht bei Brainshuttle inzwischen selbst von einer vielseitigen Plattform. In präklinischen Arbeiten wurde die Technologie nicht nur mit Antikörpern, sondern auch für den Transport eines Antisense-Oligonukleotids untersucht.

Damit verschiebt sich die Frage in der Neurologie: Nicht nur, welcher Wirkstoff ein therapeutisches Ziel adressiert, sondern zunehmend, wie er überhaupt dorthin gelangt.

Ein ganzer Markt entsteht

Roche ist dabei keineswegs allein. Biogen arbeitet ebenfalls an TfR-basierten BBB-Shuttles und beschreibt den Rezeptor als einen der wichtigsten natürlichen Transportwege ins Gehirn. Das Unternehmen verfolgt dabei einen systematischen Ansatz zur Entwicklung und Optimierung von Shuttle-Molekülen.

Auch Novartis hat sich zuletzt mehrfach Zugang zu BBB-Technologien gesichert. Im Januar 2026 lizenzierte der Konzern von SciNeuro einen Alzheimer-Antikörper, der über den Transferrin-Rezeptor ins Gehirn gelangt. Der Deal umfasst 165 Mio. US-Dollar upfront und kann insgesamt rund 1,7 Mrd. US-Dollar erreichen. Novartis bezeichnet TfR als derzeit fortgeschrittensten Ansatz, um Medikamente über die Blut-Hirn-Schranke zu bringen.

GSK wiederum hat sich über ABL Bio Zugang zu einer BBB-Shuttle-Technologie verschafft. Und Roche lizenzierte 2025 von Manifold Bio eine weitere Technologie zur Entwicklung von BBB-Shuttles. Der Deal kann bis zu 2 Mrd. US-Dollar erreichen.

Auch der Ansatz von Denali Therapeutics zeigt, dass sich das Feld von der Plattformforschung in Richtung Produktentwicklung bewegt. Im März 2026 erhielt mit Avlayah erstmals ein Biologikum die FDA-Zulassung, das gezielt über TfR-vermittelten Transport die Blut-Hirn-Schranke überwindet.


Hintergrund

Neben Roche nutzen zahlreiche andere Pharmakonzerne und Biotech-Unternehmen diesen Rezeptor für ihre eigenen Medikamenten-Fähren.  Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Akteure und deren Projekte:
1. Denali Therapeutics (Der größte Verfolger)
    • Die Technologie: Transport Vehicle (TV)-Plattform. Denali modifiziert den hinteren Teil von Antikörpern (das Fc-Fragment) so, dass es an den Transferrin-Rezeptor andockt.
    • Konkrete Wirkstoffe:
        • DNL310: Befindet sich in fortgeschrittenen klinischen Studien zur Behandlung des Hunter-Syndroms (einer seltenen, das Gehirn schädigenden Stoffwechselerkrankung).
        • DNL921: Ein Alzheimer-Medikament, das ebenfalls den Transferrin-Rezeptor nutzt und demnächst in großen Studien getestet wird.

2. JCR Pharmaceuticals (Pionier der Zulassung)
    • Die Technologie: J-Brain Cargo®.
    • Konkreter Wirkstoff: Pabinafusp-alpha (Izcargo). JCR hat damit Medizingeschichte geschrieben: Es war das weltweit erste zugelassene Medikament, das eine funktionierende Blut-Hirn-Schranken-Fähre via Transferrin-Rezeptor nutzt. In Japan erfolgte die Zulassung zur Behandlung des mukopolysaccharidose-Typ-II-Syndroms.

3. Biogen
    • Die Technologie: Biogen hat eine eigene wissenschaftliche „Toolbox“ aus Antikörpern entwickelt, die gezielt an den Transferrin-Rezeptor binden. Sie passen die Bindungsstärke (Affinität) exakt an, damit das Medikament auf der anderen Seite der Schranke sauber losgelassen wird. Damit werden Therapien gegen Alzheimer und ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) entwickelt.

4. BioArctic / Eisai (Die Entwickler von Leqembi)
    • Die Technologie: BrainTransporter™.
    • Konkrete Anwendung: BioArctic entwickelt eine neue, verbesserte Version ihres bekannten Alzheimer-Medikaments Lecanemab. Durch die Kopplung an den Transferrin-Rezeptor soll der Wirkstoff in deutlich höheren Konzentrationen das Gehirn erreichen.

5. Alector
  • Die Technologie: Alector Brain Carrier (ABC)-Plattform.
  • Konkrete Wirkstoffe: AL137 (gegen Alzheimer) sowie die Wirkstoffe AL064/AL164 (gegen Tauopathien/Demenz). Der Transferrin-Rezeptor wird genutzt, um Antikörper und genetische Medikamente (siRNA) ins Gehirn zu transportieren.

TfR ist etabliert, aber nicht trivial

Der Transferrin-Rezeptor ist damit zu einer Art Goldstandard unter den BBB-Shuttles geworden. Das bedeutet allerdings nicht, dass das Problem gelöst ist. TfR wird auch außerhalb des Gehirns exprimiert; außerdem müssen Affinität, Bindungsstelle, Transporteffizienz und die Verteilung des Shuttle-Wirkstoff-Komplexes sorgfältig austariert werden. Eine zu starke oder eine falsche Bindung kann die gewünschte Transzytose sogar behindern.

Genau deshalb gibt es neben TfR weitere Ansätze, etwa gegen CD98 oder andere Transportmechanismen. Die Industrie baut damit derzeit einen ganzen Werkzeugkasten für die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke auf.

Für Yumar und Isar Bioscience bedeutet das: Ihre Kooperation startet nicht auf einem unbesetzten Feld. Vielmehr könnte ihr Vorteil darin liegen, einen weiteren Antikörper-Shuttle zu entwickeln, der sich auf unterschiedliche Wirkstoffe und Krankheitsbilder übertragen lässt.

Der Engpass vor dem Wirkstoff

Der Wettlauf um BBB-Shuttles steht exemplarisch für einen größeren Wandel in der Drug-Delivery-Industrie. Bei klassischen Small Molecules war die Verteilung eines Wirkstoffs häufig eine Frage der Formulierung und Pharmakokinetik. Bei Antikörpern, RNA, Enzymen oder anderen großen Molekülen kann Delivery dagegen darüber entscheiden, ob ein Wirkstoff sein Ziel überhaupt erreicht. In diesem Zusammenhang hat auch die milliardenschwere aktuelle Kooperation von Novartis mit einer Firma aus Südkorea für Aufsehen gesorgt, die ein subkutanes Depot für Arzneimittel als Plattformtechnologie entwickelt hat.

Gerade in der Neurologie ist der Zutritt zum Ort des Geschehens entscheidend. Viele biologisch hochinteressante Wirkstoffe scheitern nicht daran, dass ihr Target falsch ist, sondern daran, dass sie im Gehirn nicht in ausreichender Konzentration ankommen. Wer diesen Engpass löst, kann deshalb potenziell ganze Wirkstoffklassen erschließen.

Das erklärt auch die hohen Bewertungen, die Pharmaunternehmen inzwischen für Delivery-Technologien akzeptieren. Sie kaufen nicht nur einen Wirkstoff, sondern eine Eintrittskarte für ihre Pipeline in bestimmte Organe wie das Gehirn oder in eine neue Darreichungsform, die hilft, den Patentablauf hinauszuzögern.

Die Kooperation von Yumab und Isar ist deshalb zwar noch ein frühes Forschungsprojekt. Sie steht aber für einen der wichtigsten Trends in der Neurologie: Der Kampf um die nächste Generation von CNS-Therapien wird nicht nur vom Target entschieden, sondern vom Transportweg dorthin.

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